Sinkende Börsenstrompreise: Die Kraftwerksbranche kriselt

Es wird nicht Wenige geben, die der alten monopolisierten Energiewirtschaft der Vorwendezeit hinterhertrauern. Allen voran die großen Energieriesen, die auch heute noch milliardenschwere Umsätze generieren allerdings wesentlich an Marktmacht verloren haben. Die Energiewirtschaft ist mittlerweile liberalisiert und die erneuerbaren Energien haben einen Einspeisevorrang. Gerade für die ehemaligen Geldmaschinen, die konventionellen Kraftwerke, wird der Markt immer ungemütlicher, denn neben der verlorenen Monopolstellung gesellt sich ein harter Preiskampf an der europäischen Strombörse European Energy Exchange (EEX) in Leipzig. Deutschlands Energiekonzerne haben daher in den vergangenen Jahren massiv an Umsatzstärke eingebüßt. Aber auch im Ausland geht es den großen Versorgern schlecht.

Überangebot als Preiskiller

Deutschland produziert momentan massive Überkapazitäten an Strom. Grund ist die aktuell stattfindende Transformation, in welcher die alten Kraftwerke noch aktiv und die neuen Anlagen schon hinzugekommen sind. Gerade in den Sommermonaten, wenn viel Photvoltaik-Strom erzeugt wird kann es zu einem massiven Stromüberschuss kommen. Da auch der europäische Stromgroßhandel nach einfachen Marktmechanismen funktioniert sinkt bei einem steigenden Angebot und relativ gleichbleibender Nachfrage der Preis. Genau das findet momentan an der Strombörse statt, so ist Grundlaststrom in Deutschland und Österreich heute nur noch gut halb so viel wert wie noch vor fünf Jahren. Auch in der Schweiz und Frankreich sinken die Börsenstrompreise, wenn auch etwas weniger.

Schlechte Aussichten für konventionelle Kraftwerke

Für die großen Energieversorger ist dieser Preisdruck eine Katastrophe, weshalb auch die Bilanzen entsprechend schlecht aussehen. EnBW beispielsweise, hat das Jahr 2014 mit einem herben Verlust in Höhe von 451 Millionen Euro abgeschlossen. Beim Essener Konkurrent Eon waren es sogar rund drei Milliarden Euro. Es verwundert daher nur wenig, dass die großen Energiekonzerne weitreichende Umstrukturierungen planen. Eon möchte bis Jahresende das Unternehmen aufspalten und zwar in eine Firma für die konventionellen Energien und eine für die erneuerbaren Energien. So erhofft man sich mehr Spielraum und Flexibilität in der neuen, dezentralen und durch erneuerbare Energien dominierte Energiewirtschaft. Das betrifft allerdings eher die erneuerbare Sparte, was mit den konventionellen Kraftwerkspark passiert ist indes für alle größeren Versorger weniger klar, da die gerade Kohle- und Gaskraftwerke zunehmend unrentabel werden.

Ein rein deutsches Problem?

Schaut man in Deutschland direkte Nachbarstaaten, so sieht es auch dort nicht wirklich anders aus. In der Schweiz musste der Großkonzern Axpo im vergangenen Jahr einen Verlust von 730 Millionen Schweizer Franken hinnehme und auch in den Niederlanden und Großbritannien durchleben die Versorger momentan schwere Zeiten. In Deutschland nennen gerade Gegner der Energiewende den plötzlichen Atomausstieg und die überschwängliche Förderung erneuerbarer Energien als Grund für die Krise. Doch blickt man beispielsweise in das von Atomkraft dominierte Frankreich zeigt sich, dass sogar der weltweit größte Atomkonzern, das französische Unternehmen Areva, vergangenes Jahr einen enormen Verlust in Höhe von 4,8 Milliarden Euro einfuhr.

Anlagen in die Energiegroßkonzerne werden nicht empfohlen

Zudem ist Arevas Aktie seit Jahren im freien Fall, sodass das Unternehmen von der Ratingagentur Standard & Poor’s sogar als spekulativ eingestuft wurde. Übersetzt bedeutet das, dass man potentiellen Investoren keinesfalls empfiehlt in Aktien des französischen Atomkonzerns zu investieren. Ob Frankreich, Schweiz oder Deutschland, überall strauchelt die konventionelle Energiewirtschaft. Für viele Betreiber sind Kohle- und Gaskraftwerke seit Jahren ein Minusgeschäft, da diese nicht mehr kostendeckend produzieren. Vor allem Gaskraftwerke, die im Vergleich zu anderen fossilen Kraftwerken als relativ klimaschonend gelten, sind teuer. Der Einspeisevorrang der erneuerbaren Energien führt zudem dazu, dass die konventionellen Kraftwerke nur noch selten wirklich ans Netz gehen. Die Grundlast liefern gerade in sonnen- und windreichen Zeiten die erneuerbaren Energien. Kohle- und Gasstrom wird also nur noch selten und wenn dann unter dem eigenen Deckungsbeitrag abgesetzt.

Einige Anlagen müssen vom Netz

Die einfachste Lösung den Preis wieder zu erhöhen wäre, dass einige ältere Anlagen vom Netz gehen und sich somit das Stromangebot reduziert. Das Problem ist, dass keiner der Versorger damit beginnen immerhin würden ja alle bestehenden Anlagen davon profitieren, wenn einige Kraftwerke vom Netz gehen – also sollen die anderen doch damit beginnen – so die Devise vieler Versorger. Gerade von Seiten grüner Verbände und Organisationen wird schon seit einiger Zeit ein Kohleausstieg, ähnlich dem Atomausstieg, gefordert, durch welchen gerade die älteren Kohlemeiler nach und nach stillgelegt werden sollen. Die Verantwortung für eine derartige Option läge bei der Politik, im speziellen beim Bundeswirtschaftsminister. Der agiert erfahrungsgemäß allerdings eher zurückhaltend, sobald es um die Kohlewirtschaft geht. Die zuletzt vorgeschlagene Kohleabgabe (wir berichteten) wurde nach massivem Druck von Seiten der Kohlewirtschaft vorerst wieder fallen gelassen.

Gabriel prüft schrittweise Kraftwerksstillegungen

Aktuell wird allerdings eine Alternative zur Kohleabgabe diskutiert. So will Gabriel ältere Kohlekraftwerke, insbesondere die die mit Steinkohle arbeiten, nach und nach stilllegen und im Gegensatz dazu moderne Gaskraftwerke errichten lassen um die Versorgungssicherheit weiter zu gewährleisten. Ob die Gaskraftwerke wirklich notwendig sind ist zu bezweifeln, denn immerhin sind aktuell schon enorme Überschüsse an Strom vorhanden. Die Kohleabgabe selbst scheint allerdings endgültig vom Tisch zu sein. So erklärte der CDU Politiker Michael Fuchs in einem Interview mit der ARD: „Wir werden einige Kraftwerke abschalten, aber in der Reserve behalten, schon aus Sicherheitsgründen. Wir werden zusätzliche Maßnahmen bei der Wärme-Kraft-Kopplung machen.“

Kohleabgabe notwendig zur Erreichung des deutschen Klimaziels

Eigentlich war die Kohleabgabe als Instrument zur Erreichung von Deutschlands Klimazielen gedacht. So will die Bundesregierung die Kohlenstoffdioxidemissionen bis 2020 um 40 Prozent reduzieren, muss dafür allerdings noch einige machen. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin bescheinigte in einer Studie, dass die Kohleabgabe ein geeignetes Instrument sei um die Zielvorgabe zu erreichen. Trotzdem ist sie nun erst einmal wieder vom Tisch – die Lobbyisten haben sich durchgesetzt. Anders als die Kohleabgabe hält das DIW von der Abschaltung und anschließender Reservehaltung der stillgelegten Kraftwerke wenig, denn auch die Reserve kostet und würde wahrscheinlich auf den Verbrauchstrompreis umgelegt oder aus Steuermitteln finanziert werden. „Eine Reserve wäre außerdem von den Endkunden zu bezahlen und würde alten Kohlendioxid-Schleudern noch ein goldenes Ende bereiten“, meinte beispielsweise DIW-Energieexpertin Claudia Kemfert gegenüber der ARD.

Marktdruck wird für Abschaltung sorgen

Eines scheint weitgehend sicher, früher oder später werden die Energieriesen damit beginnen sich von den alten Kohlekraftwerken zu verabschieden. Der Marktdruck, Preiskampf und die immer roter werdenden Zahlen werden dafür sorgen. Ob dies allerdings vor 2020 passiert ist offen, will die Bundesregierung ihre Klimaziele also erreichen sind wahrscheinlich politische Maßnahmen notwendig.

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