Kommentar: Glück im Unglück — Atomenergie muss neu diskutiert werden

Zugegeben, der Gedanke mag zynisch anmuten: Der GAU im japanischen Kernkraftwerk Fukushima 1 kam leider zur rechten Zeit.

So schrecklich der Atomunfall für die japanische Bevölkerung, für Mensch und Umwelt in der gesamten Region, so wirkungsvoll ist der Vorfall jedoch als indiskutables Gegenargument zur Laufzeitverlängerung der Bundesregierung.

Politische Feigheit verkappt als Menschlichkeit

Was deutsche Politiker derzeit betroffen in die Kameras seufzen, man möge doch zunächst an die Opfer denken und später erst innenpolitische Themen erörtern, dient wiederum nur einem fadenscheinigen Taktieren mit dem Ziel, einer verbindlichen Entscheidung in diesen entscheidenden Stunden aus dem Wege zu gehen:

Schließlich stehen in der nächsten Zeit gleich mehrere wichtige Landtagswahlen an und die befürwortenden Parteien für Atomenergie — namentlich CDU und FDP, zumindest passiv jedoch auch die SPD — befürchten deutliche Einbrüche bei den Wahlergebnissen:

Wer sich in diesen Tagen noch für die Atomkraft ausspricht, kann seine politische Karriere vergessen. Wer sich jedoch gegen Atomkraft in Deutschland ausspricht — ob aus Populismus oder ehrlicher Meinung, sei dahingestellt — setzt die wichtige Unterstützung aus den Wirtschafts- oder besser gesagt: von den Lobbyverbänden aufs Spiel.

Ein Armutszeugnis für das deutsche „Krisenmanagement“

Dabei blenden Sigmar Gabriel, Norbert Röttgen und Angela Merkel wieder einmal die Realität völlig aus: Entscheidend ist schließlich nicht die Reihenfolge der Maßnahmen, sondern dass die sinnvollen Schritte auch durchaus parallel zueinander organisiert werden können.

Und so wundert es den geneigten Leser vermutlich kaum, dass das Technische Hilfswerk (THW) und andere für solche Katastrophen bestens vorbereiteten Hilfsorganisationen bereits komplette Hilfstrupps mit Notfallpaketen und Bergungsausrüstungen, mitsamt Spürhunden und Geigerzählern verschnürt und in Flugzeugen losgeschickt haben, während unsere „politischen Hirnzwerge“ (Volker Pispers) noch über die Reihenfolge der Entscheidungen diskutieren.

Auf Zeit spielen: Politische Inkompetenz par excellence

Es scheint, als wäre die Nachricht von der Explosion im Kernreaktor Fukushima noch nicht in Berlin angekommen. Von der drohenden Kernschmelze, von der darauf folgenden Wasserstoffexplosion mit nuklearen Fallout und von der Tatsache, dass in der Nähe des Unglücksreaktors weitere Kernkraftwerke stehen, die ebenfalls gefährdet sind.

Merkel, Röttgen und Gabriel versuchen offensichtlich, die nunmehr regelrecht brennende Frage um den sofortigen Atomausstieg zu übergehen, indem man sie als unmoralisch abtut oder zumindest als den Versuch, das Unglück anderer für seine politischen Ziele zu missbrauchen — eine Strategie, welche den oben genannten Herrschaften offenbar geläufig ist.

Nur nicht festlegen: Merkel wie gewohnt schwammig

Bundeskanzlerin Merkel zeigte sich wieder im gewohnten Stil der Formlosigkeit: Einerseits müsse man angesichts der Entwicklungen sicherlich mal wieder über das Thema Atomkraft in Deutschland reden — vermutlich, um in dieser Sache „eine gemeinsame Lösung zu finden“, Kernkraftwerke in Japan und in Deutschland ließen sich aber schon grundsätzlich gar nicht miteinander vergleichen und daher wären auch alle Entscheidungen weiterhin offen, nur nichts überstürzen. In der Zwischenzeit könne man ja mal die Atomkraftwerke überprüfen lassem und schauen, ob eventuell die Umsetzung von ein paar Sicherheitsmaßnahmen erforderlich sein könnte.

Zum Beispiel … Nebelmaschinen?

Politische Wirklichkeit vs. Realität

Die Bürger der Bundesrepublik indes beweisen wieder einmal, dass Volkes Stimme und Königs Wille weit auseinander gehen: Während die Bundesregierung ein zweites Tschernobyl weitestgehend achselzuckend hinnimmt, bildeten Aktivisten eine 42 km lange Menschenkette vom ältesten Kernreaktor Deutschlands Neckar-Westheim zur Landeshauptstadt Stuttgart. Der Protest war schon lange vorab geplant, bekam aber vor dem Hintergrund der Katastrophe eine besondere Bedeutung:

Diese Menschenkette steht gewissermaßen stellvertretend für den über vierzig Jahre währenden Bürgerprotest gegen Atomkraftwerke in Deutschland und die gleichzeitige Blindheit ihrer politischen Vertreter vor der Wirklichkeit, vor dem Volkswillen und der ständig wachsenden Gefahr eines GAUs in einem unserer maroden Kernkraftwerke.

In einem Punkt hat Angela Merkel jedoch tatsächlich recht: Man kann die deutschen Kerkraftwerke mit den japanischen gar nicht vergleichen. Denn die japanischen Akw sind auf einem technisch weitaus höheren Niveau, besser gewartet und daher viel sicherer als unsere.

Buchtipp! Alexander Sutherland Neill: „Die grüne Wolke“ (1938), deutsche Übersetzung von Harry Rowohlt

Tags

Weitere passende Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Close
Close