Deepwater Horizon: Der ökologische Super-Gau

Als im April die Bohrplattform Deepwater Horizon des Betreibers Transocean in Brand geriet, explodierte und sank, war selbst den Managern des verantwortlichen Ölkonzerns BP schnell klar, dass sich das Szenario wahrscheinlich zur schwersten Umweltkatastrophe in der Geschichte der Ölförderung und seit der Havarie der Exxon Valdez 1989 auswachsen würde.

8000 Liter pro Minute

Über 72 000 Barrel Öl entweichen spätestens seit dem 22. April diesen Jahres aus dem Bohrloch am Meeresgrund. Dabei ist nicht die Rede von einem sauberen, kleinen Loch: Da der Meeresboden an der Unglücksstelle aufgrund verschiedener geologischer Gegebenheiten sehr brüchig ist, platzt das Rohöl an mehreren Stellen hervor.

Denn erstens handelt es sich bei dem fraglichen Gebiet um ein Kontinentalrift, also einer Spalte zwischen den unterseeischen Platten, wo sich durch den immensen Druck der absinkenden Kruste und unter Luftausschluss über Millionen von Jahren aus abgestorbenen Pflanzen und Tieren Öl gebildet hat.

Zweitens ist der Meeresboden durch die darunterliegende Ölblase auf mehreren Quadratkilometern Ausdehnung instabil und brüchig – es besteht also die Gefahr, dass der Druck plötzlich entweicht, wobei gigantische Rohölmengen nach oben steigen, der Meeresboden jedoch einbrechen würde und ein Tsunami aus Rohöl und Meerwasser entstünde, der einen Großteil der Golfküste verwüsten könnte.

Transocean wusste von dem Risiko der Bohrinsel Deepwater Horizon

Interessanterweise berichtet die Kreiszeitung unter Berufung auf die Deutsche Presseagentur dpa, dass bereits ein Jahr vor dem Einsatz der mobilen Bohrplattform Deepwater Horizon  Sicherheitsbedenken von einzelnen Managern von Transocean geäußert wurden. Denn die Bohrinsel Deepwater Horizon ist nicht für den Einsatz bei Meerestiefen wie am Unglücksort vorgesehen, eine Katastrophe war angesichts der für Hurricanes bekannten Golfregion regelrecht vorprogrammiert.

Wie skandalös die Vorgänge bei Transocean waren, zeigt ein kleines Randphänomen: So opferte einer der Manager gar seinen jährlichen Bonus und riskierte seine weitere Karriere bei der Betreibergesellschaft, weil er das Projekt nicht absegnen wollte.

BP will die Sanierung von den Steuern absetzen

Die neueste Meldung dürfte selbst heimliche Freunde von BP gegen den Ölkonzern aufbringen: So ließ das Unternehmen kürzlich verlauten, man wolle die Kosten für die Aufräumarbeiten am Golf von Mexiko über etwa zehn Milliarden Dollar weltweit steuerlich geltend machen.

Nach den vielfältigen Meldungen über die aus Kostengründen ungenügenden Sanierungen des Küstenstreifens vor New Orleans in Kombination mit lächerlich geringen Ausgleichszahlungen für die Fischer der Region, stößt dies selbst an der ölverliebten Wall Street sauer auf.

Eine gemeinsame Umfrage des Wall Street Journals und des Fernsehsenders NBC ergab kurioserweise, dass BP inzwischen auf der Beliebtheitsskala der US-amerikanischen Bevölkerung etwa mit Saddam Hussein rangiert.

Deepwater Horizon: Versagen auf ganzer Linie

Ein überlebender Plattformarbeiter von Deepwater Horizon, Mike Williams, berichtet unterdessen dem Korrespondenten von Deutschlandfunk, dass frei nach Murphys Gesetz wirklich alles schief ging, was schiefgehen konnte – laut den BP-Managern aber niemals schiefgehen würde:

So galt die Plattform Aussagen der BP- und Transocean-Manager angeblich als „feuersicherer und unsinkbarer Fels in der Brandung“, die tiefste Bohrung der Offshore-Geschichte wäre kein Problem und die Explosionsgefahr beherrschbar. „Alles was meinen Bossen zufolge niemals geschehen konnte,“ sagt Williams, „geschah dennoch.“

Neue Umweltkatastrophen schon in Planung

Unterdessen bleibt BP übrigens nicht tatenlos und plant andernorts wieder neue Bohrungen, um die Ausfälle schnellstmöglich zu kompensieren: Längst schon schwebt das Damoklesschwert der Zerschlagung über dem britischen Ölkonzern, denn die britische Regierung droht mit der erzwungenen Aufspaltung in drei neue Unternehmen.

Doch sollten bei aller Schelte auf das britische Unternehmen nicht die ähnlich ölschwarzen Schafe der Branche vergessen werden:

Heute der Golf, morgen die Arktis

So plant das schottische Mineralölunternehmen Cairn Energy derzeit unter großen Protest durch Umweltschutzorganisationen und Ökoaktivisten die Erschließung von Offshore Ölfeldern in ökologisch sensiblen Gebieten vor Grönland – erste Probebohrungen laufen bereits.

Seit 2009 bauen beispielsweise die Ölkonzerne Chevron und Pearl im Küstengebiet vor Thailand die Ölförderung sukzessive aus, während in Brasilien immerhin die staatliche Petrobas vor der eigenen Küste die Tiefseeförderung im großen Stil durchführen will.

Die USA haben angesichts der Deepwater Horizon den Ausbau der Tiefsee Ölförderung vorerst ausgesetzt, dennoch erklärte der US-amerikanische Präsident Obama noch im März diesen Jahres verbindlich die Erlaubnis für weitere Offshore Ölbohrungen.

Weiter wie bisher mit Schema F

Unterm Strich muss man wohl resigniert feststellen: Statt für die selbstverursachte Schweinerei selbst aufzukommen, werden die Vertreter der Ölindustrie nur die nötigsten, sprich: werbewirksamen Säuberungsaktionen durchführen, sich nur widerstrebend für Ausgleichszahlungen zur Verantwortung ziehen lassen und alles daransetzen, die Kosten möglichst umfassend der Allgemeinheit aufzubürden.

Um weiteren Imageschäden vorzubeugen wird BP in der nun folgenden Zeit alles tun, um Schlagzeilen über das Unglück und das Unternehmen BP zu vermeiden, bis etwas Seegras über die Angelegenheit gewachsen ist – frei nach dem Motto „nichts ist älter als die Nachrichten von gestern“. In etwa einem halben Jahr wird BP mit einer Marketingkampagne die Verteidigung nach vorn praktizieren, mit der Message: „Mea culpa, Asche auf unsere Häupter, heute sind wir geläutert und erfahrener, jetzt wissen wir, wie man es richtig macht!“ und die plötzlich erstaunlich innovative, ökologisch korrekte Firmen-Philosophie unter dem nun grünen BP-Logo präsentieren.

Die Exxon Valdez wurde übrigens nach dem Unglück repariert und mehrmals umbenannt; das Schiff fährt jedoch nach wie vor im Dienste des ExxonMobil Konzerns. Noch heute kann man vor Alaska die Ölschlacke auf weiten Küstenstreifen in zentimeterdicken, gummiartigen Schichten von den Steinen ziehen, das Ökosystem hat sich kaum erholt.

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